von vineyards und factory

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Hallo ihr Lieben,

eigentlich wollte ich diesen Artikel etwas später rausbringen. Allerdings bat mich mein Onkel, ihm vom Tageslöhnersystem hier zu erzählen und wenn ich schon am Schreiben bin kann auch gleich den Artikel fertig schreiben.
Zunächst aber kurz was Allgemeines. Wie sicher einige von euch mitbekommen haben hatten wir letzten Freitag einen Autounfall. Doch wir hatten viel Glück im Unglück und allen Beteiligten geht es gut (auch das Auto fährt noch). Ihr braucht euch also keine Sorgen zu machen. Mehr dazu aber im nächsten Artikel.

Dieser Artikel beschreibt keine Ereignisse der letzten Wochen, sondern ich möchte euch einen Einblick in meinen Arbeitsalltag geben. Es wird sich also nur um meine Arbeit, die Weingärten und die Weinfabrik drehen…

So also wie funktioniert mein Arbeitsalltag hier?
Zurzeit wohne ich ja in der Stadt Hastings an der Ostküste der Nordinsel Neuseelands. Außerhalb der Stadt befinden sich zahlreiche Weingärten, die teilweise von unterschiedlichen Weinbauern bzw. Betrieben bewirtschaftet werden. Am Rande der Stadt befinden sich dann verschiedene Fabriken, die Wein produzieren bzw. ihn in Flaschen füllen und verpacken.

Ich werde mal zunächst auf die Weingärten eingehen (oder doch Weinplantagen? Keine Ahnung wie man das jetzt richtig sagt, im Englischen einfach Vineyards).
Im Gegensatz zu den Fabriken passiert auf den Weinplantagen die meiste Arbeit von alleine, also das Wachsen und Herranreifen der Früchte. Entsprechend muss da auch nicht jeden Tag gearbeitet werden. Arbeiten die dort anfallen sind dann zum Beispiel das Neuspannen der Pflanzenbegrenzungen (also wenn die Pflanzen an den Seiten herrauswachsen), das Blätter entfernen (damit die jungen Trauben genug Sonne bekommen) und das Ausdünnen der Trauben (also wenn zuviele an einer Stelle hängen werden einige abgeschnitten, damit die Restlichen besser wachsen können). Nun kann aber der Weinbauer nicht Wochen vorher wissen, wann welche Arbeit anfallen wird.
Aus diesem Grund ist es erforderlich, dass es Arbeiter gibt, die kurzfristig und zahlreich arbeiten können. Hierfür eignen sich vor allem Backpacker, die nur darauf warten, einige Stunden arbeiten zu können, um sich ihre Reise und ihre Dasein zu finanzieren, aber auch einheimische Studenten (sind grad Semesterferien). Da das Backpackerdasein aber sehr kurzlebig ist, sind viele nach einigen Wochen bereits weitergezogen. Es wäre also viel zu viel Aufwand für einen Weinbauern, immer nach Backpackern zu suchen, wenn er grad welche braucht. Denn sagen wir mal er hat einige Tage lang Arbeit, dann zwei Wochen nicht mehr und dann wieder. Dann sind aber einige der Backpacker weitergezogen (weil sie zum Beispiel schon seit zwei Monaten in diesem Gebiet sind) und er muss wieder suchen, was nicht so einfach ist von einem Tag auf den anderen. Noch anstrengender wäre es für den Backpacker, sich jeden Tag selbst Arbeit zu suchen. Denn wenn zum Beispiel ausgedünnt werden muss, dann ist so ein einzelner Vineyard schnell abgearbeitet. Nach 2-3 Tagen müsste man sich also wieder um einen neuen Vineyard kümmern. Für beide Seiten also viel zu zeitraubend.
Aus diesem Grund gibt es eine Zwischenfirma (einen sogenannten Contractor).
Heißt nichts anderes als das wir bei dieser Firma angestellt sind (unser Contractor heißt übrigens Jayson, also Jayson ist der Chef). Sucht nun ein Weinbauer für den nächsten Tag ein paar Arbeiter, dann ruft er Jayson an, dieser schaut, wer seiner Angestellten grad frei ist und sendet diesen dann eine Nachricht, wo sie morgen arbeiten werden.
Auf der anderen Seite wartet man als Arbeiter auf den Abend, an dem man dann die Nachricht von Jayson bekommt, wo man denn morgen hinmuss. Jayson streicht natürlich einen Teil des Lohns ein, gibt uns den Mindestlohn (der aber zum Leben ausreicht) und übernimmt aber dafür die komplette  Organisation. Das macht es für beide Seiten deutlich einfacher. Allerdings kann es eben auch durchaus passieren, dass man keine Nachricht bekommt, weil eben nicht genug Weinbauern nach Arbeitern suchen. Das ist dann natürlich ärgerlich. Außerdem kann es passieren, dass kurzfristig noch Leute angefordert werden, wenn doch mehr Arbeit ist als ürsprünglich angenommen. Dies kommt aber eher in der Weinfabrik vor (oder zumindest habe ich es da schon live miterlebt), dazu also gleich mehr.
Joar also so funktioniert das System, die Weinbauern rufen bei Jayson an, dieser leitet es dann an uns weiter. Die Funktion eines Vermittlers gab es ja bereits früher schon. Auch hier war es viel zu umständlich, wenn der Weinbauer bei den einzelnen Arbeitern nachgefragt hätte. Viel leichter war es auf einen Markt oder Versammlungsplatz zu gehen, wo er gleich alle Arbeiter erreichen konnte, die gerade nicht gearbeitet haben. Der Markt also als Mittelsposition.

Vineyard
Vineyard

Wie läuft dann so ein Tag auf dem Vineyard ab? Bei neuen Vineyards, wo man noch nicht in letzter Zeit gearbeitet hat, trifft man sich mit Jayson oder Dave (der stellvertretende Chef oder so) gegen 7.40Uhr, dieser zeigt dir den Weg zum Vineyard. Um 8Uhr ist meistens Arbeitsbeginn, dann gibt es etwa nach 2 Stunden ne Pause, dann gegen 12.30Uhr Lunch (30 Minuten unbezahlte Mittagspause) und dann nochmal ne Pause gegen 14.15Uhr. Ende ist dann gegen 16.30Uhr oder später, abhängig vom Umfang der verbleibenden Arbeit und dem supervisor, also sowas wie ein „Aufseher“, der während der Arbeit auf dem Vineyard verbleibt und die Arbeit überwacht.
So arbeitet man also zwischen 8-10, selten auch 11 Stunden. Hierbei kann es auch sein, dass nicht nach Stundenlohn, sondern nach Contract gearbeitet wird. Hierfür bekommt man dann eine bestimmte Summe pro geschaffter Arbeit, also zum Beispiel beim Blätter entfernen 35cent pro Pflanze. Jeder kann sich dann selber ausrechnen, wieviel er in der Stunde zu schaffen hat, um besser zu kommen als der Mindestlohn. Doch obwohl diese Form der Arbeit sehr verlockend klingt, da man hier ja bei fleißiger Arbeit mehr als Mindestlohn verdienen kann, ist sie sehr unbeliebt, da der gezahlte Lohn pro Pflanze zu wenig ist, um mit normaler Arbeit auf den Mindestlohn zu kommen. Du musst dich also schon für den Mindestlohn ordentlich anstrengen, drüber kommst du erst recht nicht. Natürlich kommt es hierbei auch wieder auf den Weinbauern und die zu leistende Arbeit an, bei spendablem Bauern und einer passablem Arbeit kann man da doch ganz gutes Geld machen. Meistens jedoch nicht. Einige arbeiten sogar nur nach Stundenlohn, verzichten also auf die Arbeit, wenn Contract ist, weil sie wissen, dass sie nicht schnell genug sind. Hinzu kommt, dass man bei Contractarbeit so gut wie keine Pause hat, da ja jede Minute bzw. damit verbunden jede geschaffte Pflanze bares Geld sind.
Doch es gibt auch einige entscheidene Vorteile der Vineyardarbeit. Da die Weinpflanzen größer sind als man selbst und die Reihen sehr lang sind, hat man teilweise für Stunden komplett seine Ruhe, kann dann bei Musik oder Hörbuch im Ohr ganz für sich arbeiten. Sofern Stundenlohn, dann sogar ganz in Ruhe. Nur zu viel Zeit sollte man sich nicht lassen, denn dann kann es passieren, dass der supervisor dich frühzeitig nach Hause schickt. Du hast also keine Garantie, wielange du pro Tag arbeiten kannst.
Einer der Nachteile liegt natürlich auf der Hand, das Wetter. So kann das Arbeiten sehr sehr ätzend sein, wenn es sehr sehr heiß ist, in Strömen gießt oder eklig naß ist. Teilweise wird bei Regen die Arbeit sogar abgesagt bzw. abgebrochen.
So das wars eigentlich auch schon zu den Vineyards. Meistens ist irgendwo auf dem Vineyard ein Toilettenhäuschen oder sowas, dafür ist also meistens gesorgt. Essen für Lunch und so muss man sich natürlich vorher vorbereiten und mitbringen.

Kommen wir zur Weinfabrik, hier läuft vieles ähnlich, aber nicht alles. Dem Vineyard gemeinsam ist der Vertrag mit Jayson. Also auch hier werden die Leute von Jayson vermittelt, so kann es sein, dass die Leute, die gestern noch auf dem Vineyard gearbeitet haben, morgen in der Fabrik sind und übermorgen wieder auf dem Vineyard.
Allerdings unterscheiden sich doch erheblich die Arbeitszeiten. So gibt es zwei verschiedene Schichten. Die Tagschicht und die Nachtschicht. Während die Nachtschicht immer um 16.30Uhr startet und früh um 4.30Uhr endet, beginnt die Tagschicht am Montag etwas später, Dienstag bis Donnerstag von 4.30Uhr bis 16.30Uhr (also halt genau zwischen den Nachtschichten) und endet am Freitag eher. Also in einer Woche 5 Tag- und 4 Nachtschichten. Vor allem die Nachtschichten sorgen dafür, dass du kein soziales Leben unter der Woche hast, weil du 5Uhr morgens nach Hause kommst, bis Mittags schläfst und um 16Uhr wieder startest, bevor die anderen von den Vineyards wiederkommen. Da ist die Tagschicht deutlich besser, da hier der Arbeitsschluss mit dem Vineyard übereinkommt. Man muss lediglich früher ins Bett, da man ja früher raus muss.
Im Gegensatz zum Vineyard ist die Arbeit in der Fabrik sehr kurzlebig. Fehlt also auf dem Vineyard ein Arbeiter und es bleibt Arbeit übrig, dann können die anderen entweder länger arbeiten, oder, falls eh am nächsten Tag gearbeitet werden sollte, dann fordert man einfach für den nächsten Tag einen Arbeiter mehr an. Hier kommt es also deutlich seltener dazu, dass noch kurzfristig Arbeiter gerufen werden.
In der Weinfabrik allerdings müssen die Aufträge zum angesetzten Zeitpunkt erledigt werden, sollte sich da was verzögern, so verzögern sich auch alle angrenzenden Aufträge. Es ist hier also sinnvoll, bei zuviel Arbeit noch kurzfristig Arbeiter anzufordern. Auch kann es passieren, dass die Fabrik vorher weiß, sagen wir mal um 8Uhr kommt ein größerer Auftrag rein, dann werden eben einige zu 4.30Uhr (also regulärer Beginn der Tagschicht), und zusätzlich welche noch für 8Uhr angefordert. Es kommt also auch vor, dass man zwar die Tagschicht, aber eben nicht die komplette arbeiten kann.
Wie ist es wenn man kurzfristig (also später als alle anderen) zur Arbeit gerufen wird? Generell ist man erstmal froh, überhaupt noch arbeiten zu können. Denn schließlich hatte man am Abend vorher keine Nachricht bekommen, bzw. erfahren, dass man nicht arbeitet. Da als Backpacker aber jeder Cent wichtig ist, ist man schon ziemlich enttäuscht darüber, zumal wenn andere, die du kennst, arbeiten dürfen. Da kommt dann auch so ein bischen der Neid hoch. Wenn dann kurzfristig doch noch Arbeit ansteht, sagen wir mal du sitzt früh am Frühstückstisch und bekommst die Nachricht, dass du dich auf den Weg zur Fabrik machen sollst, dann freut man sich natürlich darüber, weil das bereits abgeschriebene Geld doch noch zum Teil reinkommt. Wenn es dich also überrascht, dann bist du positiv überrascht.
Anders ist es wenn du am Vorabend bereits die Nachricht hast, dass du erst um 8Uhr starten kannst, manchmal sogar erst um 10Uhr. Dann bist du natürlich neidisch auf die anderen, die bereits 4.30Uhr anfangen dürfen. Denn es gibt Leistungsgerechtigkeit, also wer weniger arbeitet, bekommt auch weniger Geld. In der Weinfabrik wird Stundenlohn gezahlt, also du kannst mit Fleiß auch nicht mehr rausholen. Wenn du später anfängst, dann bekommst du definitiv auch weniger Geld. Das ist natürlich ärgerlich, vor allem wenn es mehrmals passiert und kein Einzelfall bleibt.
Deine Stimmung, wenn du zur Arbeit als letzter kommst, ist also stark davon abhängig, ob es weniger ist als erwartet (weil du gehofft hattest mehr zu arbeiten) oder mehr ist als erwartet (weil du dachtest du könntest gar nicht arbeiten).
Auch in der Weinfabrik kann es übrigens passieren, dass du aufgrund von zu wenig Arbeit früher nach Hause geschickt wirst. Vor allem wenn Maschinen streiken oder sich der Arbeitsplan durch andere Faktoren verschiebt, kann es plötzlich zu Arbeitsmangel kommen.

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Weinfabrik

Wie verläuft ein Tag in der Weinfabrik? Da die Arbeit in der Tag- und Nachtschicht identisch sind (da man drinnen arbeitet bemerkt man den Unterschied sogar gar nicht), berichte ich einfach mal von der Tagschicht. Also kurz nach 4Uhr starten wir vom Hostel, um dann gegen 4.20Uhr in der Fabrik einzutrudeln. Sicherheitsbrille auf, Sicherheitsweste an, in die Arbeitsliste eintragen, Handschuhe an und los gehts, die Arbeiter von der Nachtschicht ablösen.
Es gibt zum einen die normalen Mitarbeitern, die dauerhaft in der Fabrik arbeiten und jeweils verschiedene feste (bzw. manchmal auch flexible) Arbeitsbereiche und Aufgaben haben und zum anderen die kurzfristigen Arbeiter, also Backpacker und Studenten und so (Da die Mitarbeiter alle eine orangene Weste haben (zumindest fast alle), die kurzfristigen aber eine gelbe, nenne ich sie im folgenden einfach Gelbe :D).
Innerhalb des Fabrikgebäudes gibt es verschiedene Lines, sogenannte Produktionslinien. Diese beginnen an dem einen Ende mit einer Maschine, die leere Flaschen aufs Band stellt (diese werden in großen Mengen angeliefert), dann laufen die leeren Flaschen durch einen kleinen Gebäudekomplex innerhalb der Halle, in dessen Inneren der Wein in die Flaschen gefüllt und die Flaschen verschlossen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt sind nur feste Mitarbeiter in den Prozess involviert und nur sehr selten der ein oder andere Gelbe. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten für die fertigen Flaschen. Entweder sie werden eingelagert und erst später (teilweise Jahre später) gebraucht, dann müssen sie vom Band in große Holzkisten gestapelt werden. Dies ist eine der anstrengendsten Arbeiten.
Dazu ein kleines Rechenbeispiel, wir lieben ja alle Zahlen: ich benötige etwa 10-15 Minuten für eine Kiste, abhängig davon, wieviele andere Gelbe noch Kisten befüllen und wie schnell das Band läuft und wieviele Flaschen auf dem Band stehen. Aber so etwa 4-6 Kisten pro Stunde. Bei 10 Stunden (ja das kann durchaus passieren, dass man die ganze Zeit diese Arbeit macht, also 12h abzüglich der Pausen) sind das im Schnitt 50 Kisten am Tag. Da man immer vier Flaschen auf einmal einsortiert und in eine Kiste etwa 400 Flaschen kommen, bückt man sich in diesen 10 Stunden also etwa 5000 Mal. Wenn das nicht mal auf den Rücken geht…
Dennoch finde ich persönlich diese Arbeit angenehmer als eine der anderen anstrengendereren Jobs. Da hätten wir zum Beispiel die andere Richtung, also wenn die Flaschen lange genug gelagert wurden, dann müssen sie aus den Kisten wieder aufs Band gestellt werden.
Danach kommt auf der Linie eine Waschanlage, wo die Flaschen vom Staub befreit werden, der sich über die Zeit angesammelt hat. Danach kommt die Labelmaschine, die unsere Flaschen mit den richtigen Etiketten versieht. Zum Schluss werden die Flaschen in Kartons gepackt, bekommen einen Raumtrenner hineingesteckt (eine der angenehmsten, aber auch langweiligen Arbeiten) und fertig versiegelt müssen die Kartons mit je 6-12 Flaschen auf einer Palette gestapelt werden. Dies ist eine weitere typische, aber auch anstrengende Aufgabe der Gelben.
Hier fällt mir noch ein schönes Zahlenbeispiel ein, welches mir letztens beim Kisten stapeln aufgefallen ist. Denn wir mussten zu zweit 10 Stunden lang Kisten stapeln (12 Stunden abzüglich der Pausen). Man schafft zu zweit etwa 10 Paletten die Stunde, mit je im Schnitt 50 Kisten pro Palette (bei unterschiedlicher Anzahl von Kisten pro Palette verändert sich das Stapelsystem und soweiter, also nicht alles einheitlich, was auch manchmal sehr verwirren kann) macht das 5000 Kisten in der Schicht. Da jede Kiste 12 Flaschen mit je 750ml Wein enthält, kommen wir (berechnen wir 250Gramm pro leere Flasche, was sehr leicht wäre) auf 60000Kg, also 60Tonnen.
Da wir zu zweit waren habe ich also an diesem einen Tag etwa 30Tonnen an Gewicht herumgeschleppt. Klingt ziemlich viel 😀

Dann gibt es neben den großen Linien noch kleine, wo kleinere Arbeiten gemacht werden. Diese sind immer sehr beliebt, weil sie einfach, ohne Antrengung und gemütlich, leider aber auch sehr müdemachend weil langweilig sind. Dazu gehört zum Beispiel das Bekleben der Flaschen mit Stickern (z.b. Bester Wein des Jahres oder so), einzelne Kartons wieder öffnen weil die Flaschen falsche Etiketten haben oder auch einfach das Abkratzen falscher oder veralteter Etiketten von den Flaschen.

Wie funktioniert die Arbeitszuteilung? Die festen Mitarbeiter holen sich die Leute, wenn sie an ihrer jeweiligen Linie und Orten welche brauchen. Betritt man die Fabrik, so wird dir zunächst gleich mal eine Arbeit zugeteilt, die gerade anliegt. Wurde diese abgeschlossen (ist in einer 12 Stunden Schicht nicht unbedingt immer der Fall), dann wird geschaut, wo gerade am Dringensten jemand gebraucht wird. So kommt man an manchen Tagen zu viel Abwechslung, während an anderen Tagen die Arbeit immer gleich bleibt, weil man zum Beispiel 200 Kisten mit Flaschen füllen muss (Ihr erinnert euch, ich schaffe etwa 50 in einer Schicht, meistens sogar weniger, weil die Flaschen nicht so zahlreich sind…). Die Arbeit wird dann einfach an die Nachtschicht weitergegeben. Teilweise hast du dann am nächsten Tag selbst die Gelegenheit, deine Arbeit wieder von der Nachtschicht zu übernehmen und abzuschließen.
Ja soweit zu den Arbeiten…
Wie geht der Tag dann weiter? Also 4.30Uhr anfangen, dann gegen 6.30Uhr (teilweise auch deutlich früher) die erste Pause, dann wieder eine 8.30Uhr und 10.30Uhr. 12.30Uhr gibts dann Lunch, also wieder halbe Stunde unbezahlte Mittagspause. Nach der letzten Pause 14.30Uhr ist dann 16.30Uhr Schluss. Einer der besten Sachen an der Weinfabrik ist die Küche. Hier gibts freie Milch, Kaffee und Tee, sogar heiße Schokolade <3 😀 Außerdem Mikrowellen, sodass ich zum Lunch mein vorgekochtes Essen erwärmen und daher ein warmes Mittagessen habe. Außerdem ein Warmhaltegerät (falls du was von McDonalds dabei hast und rd warm bleiben soll 😉 ), einen Snackautomaten (leider nicht kostenlos 😀 ) und genug Platz im Kühlschrank für selber mitgebrachten Kram. Die Küche wurde erst eine Woche, bevor wir anfingen, neu eröffnet. Glück muss man haben 😀

So was gibts noch zu erzählen… Achso dadurch das an der Linie eine ganze Reihe von Maschinen arbeiten, kommt es immer wieder zu Unterbrechungen, da die Maschinen doch häufiger Fehler machen als man vielleich denken würde bzw. von Auftrag zu Auftrag Sachen umgestellt werden müssen. Während dieser Unterbrechungen hat man dann Zeit zum chillen 😀 Hin und wieder gibts dann auch ziemlich viele Scherben, sei es weil die Maschine am Anfang die leeren Flaschen fallen lässt, weil einer der Gabelstaplerfahrer zu unvorsichtig fährt oder dir einfach eine Flasche aus der Hand fällt. Durch die Handschuhe und so ist man aber sehr gut geschützt und es gehört eben in einer Weinfabrik zur Tagesordnung, dass Flaschen runterfallen.

Wie wird dann eigentlich abgerechnet? Der supervisor hat eine Liste, bzw. in der Weinfabrik liegt eine Liste, in die trägt man Name und gearbeitete Stunden ein (oder Anzahl geschaffter Pflanzen bzw. Reihen), dann wird die Liste an Jayson weitergeleitet, der uns dann spätestens jeden Mittwoch den Wochenlohn auszahlt.
Das System mit der wöchentlichen Zahlung finde ich übrigens sehr gut, da ich auf diese Weise nicht ewig auf den Lohn warten muss und andererseits, sollte mich mein Arbeitgeber hinters Licht führen wollen, ich nur eine Woche und nicht gleich den ganzen Monat umsonst gearbeitet hätte.

Noch kurz zum Geld, der Stundenlohn liegt nur knapp über dem Mindestlohn. Zum einen liegt er tatsächlich leicht drüber, da auf den Mindestlohn noch 8% Urlaubsgeld drauf kommen, da man ja keine bezahlten Urlaubstage nimmt. Allerdings ist der Lohn nicht noch höher, weil es mehr Arbeiter gibt als Jobs. Und ihr kennt ja das Spiel mit Angebot und Nachfrage…

Das solls jetzt zum Thema Geld aber erstmal gewesen sein, sollte es euch interessieren (falls überhaupt einer bis hierher durchgehalten hat), wie es so ums Thema Geld und Kosten in Neuseeland steht, wie hoch also zum Beispiel die Lebenshaltungskosten und die Preisgefälle bei Lebensmitteln und anderen Produkten sind, könnt ihr ja gerne einen Kommentar dazu unten hinterlassen.

Dazu noch eins, man kann hier ziemlich gut sparen, weil nicht so viel los ist, wofür man Geld ausgeben könnte. Dafür ist die Natur drumherum umso schöner, aber die kostet ja nix (außer Spritgeld, aber wer will bei einem Benzinpreis von 1.05€ schon meckern?).

So das wars erstmal zum Thema Arbeit, ihr wisst nun wie das Arbeitssystem auf den Weingärten und in der Weinfabrik funktioniert und wie meine Arbeit so verläuft. Sollte mir noch was einfallen oder ihr habt noch eine Frage, die ich nicht beantwortet habe, dann schreibt einfach einen Kommentar und ich werde ein Update unter diesen Artikel setzen.

Damit euch noch eine gute Woche,
euer Arvid


UPDATE (30.01.):
Da dachte ich doch glatt, ich hätte alles geschrieben, aber da gibt es doch einige Sachen, die hier tagtäglich eine Rolle spielen und auf die ich nicht eingegangen bin.

Wie wirkt es sich auf die Gemeinschaft aus, wenn einige Leute Jobs haben, andere nicht?

Das wirkt sich tatsächlich negativ auf die Gemeinschaft aus. In diesem Hostel hier ist es zum Glück selten, dass jemand keine Arbeit am nächsten Tag hat. Aber gerade in dieser Woche gab es zum Beispiel die Nachricht, dass 6 Leute statt eigentlich 16 auf einem bestimmten Vineyard arbeiten können. Dann wurde gelost und die, die nicht arbeiten konnten, waren dann natürlich neidisch auf die anderen. Solange es aber nicht zum Regelfall wird, ist abends meistens alles schon wieder vergessen.
Im anderen Hostel, der Aqualodge, war das anders. Hier durften einige immer häufiger arbeiten als andere. Die konnte man dann irgendwie nicht wirklich leiden. Aber so ist das ja in jeder Gemeinschaft. Man muss nicht mit jedem klarkommen. Die Gemeinschaft hier hat ja auch noch mal eine Sonderstellung, denn in anderen Hostels war es gar nicht der Fall, so gemeinsam zum Beispiel Mottopartys (wie die Karnevallsparty) zu organisieren oder Ausflüge zu machen. In anderen Hostels hatte man mit der Hälfte der Leute gar nichts zu tun, entsprechend war es nicht so schlimm, wenn man sie nicht leiden konnte, weil man neidisch war.
Ähnliche Situation haben wir im Übrigen mit unserer Sonderstellung in der Weinfabrik. Die Weinfabrik gehört zu den beliebtesten Jobs, da 12h und nach Mindestlohn bezahlt, außerdem der Ruf nach vielen Pausen und einer gechillten Arbeit (viele würden sich wundern, wenn sie dort öfter arbeiten würden, aber das tun sie eben nicht).
Die meisten hoffen also, die Nachricht zu bekommen, endlich auch mal in der Weinfabrik arbeiten zu können. Meistens jedoch fahren von den 25 Leuten hier nur 3-5 dort hin, darunter fast immer wir drei (also Christopher, Max und ich). Grund dafür dürfte sein, dass wir ein eigenes Auto haben, also früh 4.30Uhr hinfahren können, und bereits in der Fabrik gearbeitet haben, als wir hier ankamen, daher die Zuteilung (zur Zuteilung gleich mehr). Da gab es nämlich auch einiges an Neid, vor allem am Anfang, warum denn die Neuankömmlinge in der Fabrik arbeiten dürfen, bis sie erfahren haben, dass wir bereits im vorigen Hostel dort gearbeitet haben. Aber auch jetzt kommen immer wieder Sprüche wie „Ihr habt so ein Glück in der Fabrik arbeiten zu können!“, aber die nehmen es sportlich und wir verstehen uns trotzdem gut mit den Leuten.

Gibt es auch normale Arbeiter, die spontan zugeteilt werden?

Ja auch die gibt es. Neben den Backpackern und Studenten gibt es auch Arbeiter, die weder das eine noch das andere sind, sondern aus Ländern wie Indonesien kommen, um über den Sommer hier zu arbeiten, weil es in ihrem Land nicht genug Arbeit gibt. Ob auch einheimische Menschen auf diese Art und Weise arbeiten, glaube ich eher nicht, da diese ja dauerhaft arbeiten könnten und in diesem Fall würden sie sich eher um einen dauerhaften Job in der Weinfabrik bewerben. Allerdings kann ich nicht ausschließen, dass es solche Leute gibt 😀

Wie funktioniert die Zuteilung und kann man diese durch Einschleimen bei Jayson beeinflussen?

Die Frage nach der Zuteilung beschäftigt uns auch hin und wieder. Im vorigen Hostel war es so gewesen, dass Jayson im Hostel angerufen hat, dann z.b. gesagt hat 4 Leute in die Fabrik und 8 aufs Vineyard und dann ist der Hostelchef rumgerannt und der Erste, der ihm über den Weg gerannt ist, hatte dann die Möglichkeit, in der Fabrik zu arbeiten. Diese Willkür war einer der Hauptgründe, warum wir das Hostel gewechselt haben. Daraufhin haben wir Dave (dem Stellvertreter, der wohl auch Einfluss auf die Einteilung hat, wenn nicht sogar die Einteilung vornimmt) eine Nachricht gesendet, er möge doch bitte nicht mehr im Hostel, sondern bei uns direkt anrufen, weil wir nicht mehr im Hostel sein werden. Denn es ist für Jayson bzw. Dave sehr bequem, dass wenn mehrere in einem Hostel sind, die für Jayson arbeiten, er einfach einmal beim Chef des Hostels anruft und dann dieser die Einteilung vornimmt.
Seit wir uns persönlich mit Dave in Verbindung gesetzt haben und wir das Hostel gewechselt haben, werden wir von der Hostelchefin hier für die Fabrik zugeteilt. Ob tatsächlich Jayon anruft und sagt, den und den bitte in die Fabrik schicken, oder ob wieder einfach nur die Anzahl der verfügbaren Plätze gesagt wird und die Hostelchefin uns immer zuteilt, das ist uns noch ein unbeantwortetes Rätsel, in beiden Fällen sind wir uns auch nicht hundertprozentig sicher, warum wir tatsächlich fast immer für die Fabrik zugeteilt werden, während andere darauf sehnsüchtig warten. Auf jeden Fall gibt es abends den Anruf von Jayson bei der Hostelchefin, diese legt dann eine Liste mit der Zuteilung auf den Tisch. Ist die Hostelchefin mal nicht abends da, bekommen wir direkt eine Nachricht.
Einschleimen würde natürlich nur dann funktionieren, wenn nicht die Hostelchefin, sondern Jayson die Namen festlegt. Kann ich mir aber auch gut vorstellen, weil wir hier zwei deutsche Mädchen haben, die Jayson persönlich kennen und sehr viel häufiger in die Fabrik dürfen als die meisten anderen hier. Aber ich möchte natürlich niemandem etwas unterstellen 😉
(Die beiden heißen im Übrigen Malwine und Melina, haben mit uns Weihnachten gefeiert im Criterion und haben ganz nebenbei letztes Jahr ihr Abitur auf dem Domgymnasium in Magdeburg gemacht 😀 )

Was machst du, wenn du keine Arbeit an einem Tag bekommst?

Dann legst du die Füße hoch und hoffst, die nächsten Tage wieder arbeiten zu können. Sollte sich dies allerdings häufen, dann ist es ratsamer, nach alternativen Jobs (also in einer anderen Branche wie Blaubeeren oder Äpfeln oder so) zu suchen. Hier würde man dann aber den ganzen Job wechseln, sich für einen Tag was zu suchen hat wenig Sinn, weil niemand einen Unbekannten mal eben für einen Tag anstellt. Das ist eben der Vorteil von der Sache mit Jayson, dass der Papierkram und so alles mit Jayson erledigt ist und sich die Weinbauern darum nicht kümmern müssen, wenn sie einfach für wenige Tage Arbeiter brauchen.

So das wars für das erste Update, wenn weitere Fragen sind, mache ich gerne noch weitere.

Damit euch ein tolles Wochenende,
euer Arvid

5 Responses

  1. Peter Gümbel

    Lieber Arvid, Du bist super! So schnell und so ausführlich! Ich habe alles gelesen und trotzdem noch ein paar Fragen: Wenn es mehr Arbeiter als Jobs gibt und man mit etwas Neid auf die schaut, die arbeiten gehen dürfen – wir wirkt sich das auf Eure Gemeinschaft untereinander aus? Sind am Abend dann alle beim Tischtennisspielen wieder dabei, oder gibt es Leute, die dann sauer sind? Du schreibst ja auch von den Neuseeländischen Studenten. Gibt es auch normale Arbeiter, die auf diese Anrufe am Abend warten? Und gibt es Mechanismen, wie einige sich beim Vermittler beliebt machen, um immer wieder angerufen zu werden? Nach welchem Prinzip sucht er sich die Leute aus? Und wenn Du keine Arbeit bekommen hast, gehst Du selbst am nächsten Tag auf die Suche oder bringt das nichts? Wenn Du Zeit hast, dann würde ich mich über ein paar kurze Antworten freuen.
    Auf jeden Fall: Respekt und Anerkennung für 5000 Mal bücken und 60 Tonnen heben und Weinblätter abschneiden!!!
    Lg
    Peter

  2. Peter Gümbel

    Vielen Dank fürs Update! Für mich ist das hochspannend, weil sich mein Blick auf das Gleichnis Mt 20,1-15 durch Deinen Bericht verändert. Oft wird gefragt, wie wirkt sich eine solche Gleichmacherei, die am Ende vom Gleichnis geschieht, auf das menschliche Verhalten aus? Aber Deine Zeilen legen mir nahe zu fragen: wie wirken sich das ständige Warten, enttäuscht werden, vorgezogen werden, leichte Arbeit finden, schwere Arbeit finden, auf den Menschen aus? Sind wir nicht ständig dabei uns zu beweisen, zu drängeln, gute Miene zu machen, Frust runterschlucken zu müssen, durchhalten zu müssen, die günstigsten Bedingungen aushandeln zu müssen? Der Weinberg ist eigentlich ein Gleichnis des Lebens. Jesus sagt in seinem Gleichnis demgegenüber nur: wir brauchen auch einen Ort, an dem das alles nicht nötig ist, weil wir einfach so sein und ankommen dürfen, wie wir sind. Mensch sein ohne Gewinner und Verlierer, ohne Beweise und Frust. Mensch sein allein schon lohnt! Jedenfalls aus Gottes Perspektive.
    Dir, lieber Arvid, tausend Dank für Deinen ausführlichen Bericht und alle Inspiration!
    Dein Peter

  3. Ruben Aegerter

    Hey Bruderherz! Sag mal kam es denn schon öfter vor dass auch du keine Arbeit hattest bzw. hat sich das gehäuft?

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